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BUND Landesverband
Mecklenburg-Vorpommern e.V.

Der Auenwald

Was ist eine Auenlandschaft?

Tritt ein Fluss regelmäßig über seine Ufer, so nennt sich diese flussbegleitende Landschaft Aue. Je nach Entfernung vom Flussbett verändert sich der Einfluss von Grund- und Hochwasser und damit auch die angepassten Pflanzenarten. Dadurch entsteht die Einteilung in den krautbewachsenen Uferbereich (gehölzfreie Aue), den Weichholzauenwald und den Hartholzauenwald. Letztendlich handelt es sich bei Auenwäldern (oder auch Auwald) um Wälder, die im Laufe des Jahres abwechselnd trockene und nasse „Füße“ bekommen. Sie sind sowohl gesetzlich geschützte Biotope als auch europarechtlich geschützte FFH-Lebensraumtypen. Der Weichholzauenwald ist sogar ein prioritärer FFH-Lebensraumtyp, unterliegt also der höchsten Schutzkategorie. Das bedeutet, Erhaltungsmaßnahmen sind zügig durchzuführen. Dieses wertvolle Biotop kommt kleinflächiger vor als der Hartholzauenwald und ist stark bedroht. In Mecklenburg-Vorpommern sind allerdings keine nennenswerten Bestände an Hartholzauen bekannt. Weil ihre Flächen immer kleiner werden, erstrecken sich Auenwälder meistens nur noch in so geringen Breiten entlang der Ufer, dass sie als Galeriewald bezeichnet werden.

Warum sind Auenwälder erhaltenswert?

Flussauen und Auenwälder erfüllen wichtige Funktionen – auch für den Menschen. Auenlandschaften filtern Sedimente und gelöste Stoffe, was das Grundwasser sauber hält. Sie können das Wasser zurückhalten und dienen somit als natürlicher Hochwasserschutz. Einen Beitrag zum Klimaschutz tragen die organisch geprägten Auenlandschaften bei, indem sie große Mengen klimarelevanter Treibhausgase wie Kohlenstoffdioxid speichern. Besonders für hoch spezialisierte Pflanzen und Tiere bieten Auen einen einzigartigen Platz zum Leben. Inzwischen sind Auen zu einem letzten Rückzugsort für bedrohte Arten geworden. Werden Auenökosysteme nicht erhalten, kann dies negative Folgen für den überregionalen Hochwasserschutz haben. „So stehen an vielen Abschnitten der großen Flüsse deutschlandweit nur noch ca. 10 – 20 % der ursprünglichen Überschwemmungsflächen zur Verfügung, wenn ein Hochwasser droht“, ist in der Schriftenreihe „Naturschutz und Biologische Vielfalt“ (124/2012) des Bundesamtes für Naturschutz über die Ökosystemfunktionen von Flussauen zu lesen. 

Pioniere der Auenwälder

Flüsse und Hochwasser sind untrennbar. Das führt auch zu Staunässe, starken Strömungen, zerstörerischen Eisgängen und nährstoffreichen Sedimentablagerungen in der Aue. Welche Pflanze kann das überleben?

Einjährige, stickstoffliebende Pflanzenarten haben hier einen großen Vorteil. Der Rote Gänsefuß schmeckt u.a. Schmetterlingsraupen. Ampfer-Knöterich und Zweizahnarten werden vor allem durch Anhaftung an Tieren verbreitet. Wer ein Tausendgüldenkraut findet, sollte es nicht abpflücken. Dies ist nach der Bundesartenschutzverordnung verboten, weil sie besonders geschützt ist. Mehrjährige Pflanzen kommen auch in Schutz bietenden Auenwäldern vor. Die leuchtend gelbe Sumpfdotterblume nutzt z.B. das Wasser um ihre Samen zu verbreiten.

Weiden sind erstaunliche Erstbesiedler der Weichholzaue. Am verbreitetsten ist die Silberweide mit ihren namensgebenden, hell behaarten Blättern. An der Elbe bei Boizenburg wächst auch eine Art mit sehr auffällig roten Zweigen, die Purpur-Weide. Jeder kennt es von zuhause, dass Pflanzen Staunässe überhaupt nicht mögen. Die verschiedenen Weidenarten haben einen raffinierten Trick um die bis zu sechs Monate andauernden Überflutungen bestens zu überstehen. Ihre Wurzeln sind mit großen Hohlräumen durchzogen, die den lebenswichtigen Sauerstoff transportieren und bevorraten. Die Natur hat es so ausgeklügelt eingerichtet, dass Staunässe sogar das Wachstum neuer überlebenswichtiger Wurzeln anregt. Die sehr biegsamen Weidentriebe trotzen zudem den starken Belastungen durch das Wasser.

Neben Weiden sind auch Schwarz- und Silberpappeln typische Weichholzauenvertreter. Beide Baumarten können schnell wieder austreiben, wenn die Bestände unter den Kräften des Wassers leiden. Überschwemmungen verträgt auch eine bestimmte Liane: Der Hopfen breitet sich über naturnahe Weichholzauen aus und kreierte ein dichtes Pflanzengeflecht zusammen mit den Bäumen und zahlreichen Sträuchern, wie Schneeball, Hartriegel und Weißdorn. Bei der Hartholzaue besteht der Unterschied zur Weichholzaue in der geringen Wasserströmung bei Überflutung und einem kürzeren Zeitraum an überstauender Nässe. Dadurch können sich andere Bäume etablieren: Stiel-Eiche, Ulmen, Esche sowie Ahornarten.

Ein Rückzugsort für gefährdete Tiere

Auenwälder sind Lebensräume mit einer hohen Dichte an Vögeln, wegen der vielen Insekten, Tothölzer und der kleinen, inselartigen Strukturen, die durch die Überschwemmungen entstehen. Beutelmeisen, die für ihren auffälligen, beutalartigen Nestbau bekannt sind, und Kleinspecht sind typische Vertreter. Die imposanten Seeadler brüten gerne in Auenwäldern. Im Winter empfiehlt sich nach großen Horsten, ihren Nestern, Ausschau zu halten, die nur jetzt in den kahlen Bäumen sichtbar werden. Aber bitte nicht stören: Die Brutzeit des europarechtlich geschützten Greifvogels beginnt bereits Mitte Februar. Fallen dem Spaziergänger Löcher in großen Wurzeltellern umgestürzter Bäume auf, könnten diese Bruthöhlen des blau schillernden Eisvogels sein. Ihre Paarung kann schon Ende Januar beginnen. Der kleine Vogel mit dem langen Schnabel bleibt im Winter bei uns und ist nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt bzw. nach der EU-Vogelschutzrichtlinie besonders zu schützen. 

Insekten haben sich in dieser Umgebung hoch spezialisieren müssen, um im Kampf mit den Wasserfluten zu überleben. Laufkäfer haben die Fähigkeit entwickelt zu fliegen, um beim Winterhochwasser schnell in die schützenden Wälder zu flüchten, wo sie als ausgewachsene Tiere überwintern und sich teilweise auch fortpflanzen. Zahlreiche Laufkäfer finden sich auf der Roten Liste Mecklenburg-Vorpommerns wieder.

 

Seltenes Paradies für Biber

Der bekannteste Vertreter der Auenlandschaft ist der streng und europarechtlich geschützte Biber (FFH-Art). Die Weiden der Weichholzaue sind ein wahres Paradies für das Nagetier mit den großen orangen Schneidezähnen. Der auch im Winter aktive Biber fällt die Weichhölzer, um an die schmackhaften Leckerbissen in der Krone zu gelangen: dünne Zweige und Knospen. Ein bestimmter Wasserpegel ist notwendig, um Gehölze für seine Bautätigkeiten über das Wasser zu transportieren. Notfalls reguliert dies der Biber mit seinen Staudämmen von selbst. Der schuppige Schwanz nennt sich aufgrund seiner Form Kelle: sie ist flach, breit und schwer. Mit einem solch geformten Schwanz lässt sich prima aufs Wasser schlagen, um andere Biber zu warnen. Beim Schwimmen funktioniert die Kelle wie das Ruder eines Bootes. Sein Schwanz ist zudem der wichtigste Fettspeicher für den Biber. Der Fettanteil in der Kelle kann kurz vor Einbruch der kalten Jahreszeit 60 % erreichen. Dies ist eine notwendige Energiequelle um den nahrungsarmen Winter zu überstehen. Bereits ab Januar paaren sich die Biber, was zum Teil unter Wasser geschieht.

BUND-Tipp: Dem Biber auf der Spur

Aufgehäufte Zweige im oder am Fluss – könnte das ein Biber gewesen sein? Einen Biber in der freien Wildbahn zu beobachten, ist eine Seltenheit. So müssen wir uns mit den Hinweisen auf seine Anwesenheit zufrieden geben. Der Biber gilt als Landschaftsarchitekt und Baumeister, weil er seine Umwelt nach seinen Bedürfnissen umgestaltet – allerdings nur, wenn es nötig ist. Dabei interlässt er auch sichtbare Spuren. Aber ganz so leicht zu finden, sind sie nicht. Man muss schon genau hinschauen. Am auffälligsten sind die Biberdämme, die das Wasser aufstauen sollen. Eine mit Reisig, Stämmen und Schlamm aufgehäufte Biberburg ist zwar auch gut zu erkennen, aber nicht immer wählt das Nagetier diese Art von Behausung. Ist der Untergrund am Fluss nicht zu sandig und ausreichend steil, entscheidet sich der Biber für einen unterirdischen Erdbau mit einem Eingang unter Wasser. Auszumachen ist der Bau nur, wenn er einstürzt und ein Loch am Ufer hinterlässt. In der Regel wird dieses mit Ästen wieder zugedeckt. Ob ein Biber im Auenwald aktiv ist, verraten am besten frische Nagespuren an (gefällten) Bäumen. Wer sich in ausreichendem Abstand mit einem Fernglas in der Dämmerung auf die Lauer legt, könnte hier mit einem Blick auf den Biber belohnt werden. Von Januar bis März ist Paarungszeit. Nur wenige Beobachter hatten bisher das Glück, Zeuge dieses Ereignisses zu werden, das sich im Wasser abspielt. 

Auenwaldreste in geschützten FFH-Gebieten

Hinter dem prioritären FFH-Lebensraumtyp „91E0“ verbergen sich sogenannte „Erlen- und Eschenwälder und Weichholzauenwälder an Fließgewässern“. Hier lohnt sich eine Suche nach Hinweisen auf den Biber:

  • FFH-Gebiet „Elbtallandschaft und Sudeniederung bei Boizenburg“ (Anteil von 91E0: ca. 6 %),
  • FFH-Gebiet „Warnowtal mit kleinen Zuflüssen“ (Anteil von 91E0: ca. 12 %),
  • FFH-Gebiet „Recknitz- und Trebeltal mit Zuflüssen“ (Anteil von 91E0: ca. 4 %)
  • FFH-Gebiet „Peenetal mit Zuflüssen, Kleingewässerlandschaft am Kummerower See“ (Anteil von 91E0: ca. 8 %),
  • FFH-Gebiet „Tollensetal mit Zuflüssen“ (Anteil von 91E0: ca. 4 %).

Diesen FFH-Gebieten ist gemein, dass als Teilbewertung für den Erhaltungszustand die relative Flächengröße der Auenwälder mit einem schlechten Zustand bewertet wird, auch wenn die Gesamtbewertung dieser Schutzgebiete überwiegend günstig ist. Dies verdeutlicht, dass nur noch Reste an wertvollen Auenwäldern vorhanden sind.

Eingriffe des Menschen als Bedrohung

Auenwälder, insbesondere Weichholzauen, stehen deutschlandweit vor einer vollständigen Vernichtung aufgrund der menschlichen Nutzung seit hunderten Jahren. Hauptgefährdungsursachen sind laut Aussage des Bundesamtes für Naturschutz die Verbauung der Ufer sowie Flussbegradigungen, die Veränderung in der Überflutungsdynamik (zeitlich und Wassermengen, z.B. Bau von Staustufen), die Gewässerunterhaltung, der Freizeitbetrieb, der Sand- und Kiesabbau sowie die Aufforstung mit Fremdbaumarten (v. a. Hybridpappeln).

Ein erfolgreiches Projekt zum Erhalt der Auenwälder und als Hochwasserschutz ist die Deichrückverlegung der Elbe bei Lenzen (Brandenburg), die mit 420 Hektar bisher in ihrer Größenordnung einmalig in Deutschland ist. Der Fluss erhält die Flächen zurück, die er bei Hochwasser benötigt. Für bedrohte Tiere und Pflanzen ein wichtiges Refugium und für uns Menschen der beste Hochwasserschutz.

 

Fotos (falls nicht anders benannt): Archiv des Trägerverbundes Burg Lenzen e.V.

Weitere Informationen im Internet:

Literatur:

  • Djoshkin, W. W., Safonow, W. G.: Die Biber der alten und neuen Welt. A. Ziemsen Verlag, Wittenberg Lutherstadt, 1972.
  • Fünfstück, H-J., Ebert, A., Weiß, I.: Taschenlexikon der Vögel Deutschlands. Ein kompetenter Begleiter durch die heimische Vogelwelt. Quelle und Meyer Verlag, Wiebelsheim, 2010.
  • Gesetz über Naturschutz und Landschaftspflege (Bundesnaturschutzgesetz – BNatSchG), vom 29. Juli 2009 (BGBl. I S. 2542), in Kraft getreten am 01.03.2010, zuletzt geändert durch Artikel 2 Absatz 24 des Gesetzes vom 6. Juni 2013 (BGBl. I S. 1482).
  • Jaun, A.: An Fluss und See. Natur erleben – beobachten – verstehen. 1. Auflage, Haupt, 2011.
  • Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz Mecklenburg-Vorpommern (Hrsg.): Natura 2000: Natur erleben, Naturschutz verstehen. Das europäische Naturschutznetz in M-V mit Wandertouren. 3. Auflage, 2013.
  • Scholz, M., Mehl, D., Schulz-Zunkel, C., Kasperidus, H. D., Born, W., Henle, K.: Ökosystemfunktionen von Flussauen: Analyse und Bewertung von Hochwasserretention, Nährstoffrückhalt, Kohlenstoffvorrat, Treibhausgasemissionen und Habitatfunktion. Ergebnisse des F+E-Vorhabens (FKZ 3508850100). In: Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.): Naturschutz und Biologische Vielfalt. Heft 124, Bonn, Bad Godesberg, 2012.
  • Wachmann, E., Platen, R., Barndt, D.: Laufkäfer – Beobachtung, Lebensweise. Naturbuch Verlag, Augsburg, 1995. 

Für Rückfragen:

Janine Böttcher

Referentin für Naturschutz
Wismarsche Str. 152 19053 Schwerin E-Mail schreiben Tel.: 0385/521339-15

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