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BUND Landesverband
Mecklenburg-Vorpommern e.V.

Biber zum Abschuss freigeben?

26. April 2019 | Alleen, Baum, Flüsse & Gewässer, Lebensräume, Naturschutz, Naturschutz, Tierschutz

Konflikte und Lösungsansätze (Gastbeitrag)

Heute wird der 20. Bibertag in Mecklenburg-Vorpommern begangen - dazu findet eine Veranstaltung der Landeslehrstätte in Alt Necheln statt. Ein Grund zum Feiern!? Denn gleichzeitig werden Biber in Kürze mithilfe einer Landesverordnung nicht nur gemanagt und infrastrukturelle Schäden somit finanziell entschädigt, sondern so genannte "Problembiber" darüber hinaus zum Abschuss frei gegeben.

Ist das wirklich sinnvoll und erforderlich? Dazu ein Gastbeitrag von Venja Ziarnetzky, die sich mit dem Thema wissenschaftlich angenommen hat, zur Bedeutung der Biber für unsere Artenvielfalt und alternative Lösungsansätze aus Regionen mit weitaus größeren Beständen:  

Der Biber kann durch seine Tätigkeit als Ecosystem Engineer Lebensräume schaffen, die sonst so nicht mehr in unserer Umwelt vorkommen würden (Nummi & Kuuluvainen 2013), aber viele weitere Arten fördern. Also bedeutet der Schutz der Biber nicht ausschließlich, dass Biber, sondern auch all die "Nutznießer" der Biberaktivitäten geschützt werden. Biber sind eine autochtone, d.h. heimische, Art bei uns, weswegen sie nicht bekämpft werden sollten, da sie hier her gehören.

Durch die räumliche Enge in Mitteleuropa wird ein Management notwendig, um Konflikte zu vermeiden. Konflikte entstehen z.B. unter anderem mit der Forstwirtschaft, Fischereiverbänden, Landwirtschaft, Anrainern von Gewässern, in denen Biber wohnen. Konflikte entstehen nicht selten dadurch, dass Menschen die Umwelt an ihre Bedürfnisse angepasst haben. Flüsse werden beispielsweise begradigt und die Landnutzung reicht bis an die Ufer der Gewässer heran (Dalbeck et al. 2008; Nummi & Kuuluvainen 2013).

Die Ausbreitung von Bibern erfolgt in der Regel anfangs recht schnell, doch wenn der erste Besiedlungstrend vorbei ist, folgt eine Phase der Verzögerung (etwa 20-30 Jahre), in der die Anzahl der Neuansiedlungen zurück geht (Fustec et al. 2001; Maringer & Slotta-Bachmayr 2006). Die Art hat einen inneren Mechanismus, der die Populationsdichte kontrolliert (Czech & Lilse 2003).

Ist ein Damm der Grund, dass ein angrenzendes Grundstück geschädigt wird, kann ein automatischer Bibertäuscher (Patent DE 202010016748 U1, international E02B 3/02) in den Damm eingebaut werden. Normale Drainagerohre werden schnell vom Biber blockiert. Der automatisierte Bibertäuscher blockiert den Wasserfluss durch das Rohr, wenn die Biber aktiv sind und lässt nur Wasser durch, wenn die Biber schlafen. Biber werden aktiv im Dammbau, wenn sie fließendes Wasser hören.

Besteht der Konflikt daraus, dass der Biber auf den Feldern die Ernte frisst und die Felder zerwühlt, kann ein Zaun helfen die Nager aus dem Gebiet zu halten. Um die Überflutung der Flüsse auf die Felder zu vermeiden, ist es sinnvoll einen Gürtel um die Gewässer zu belassen, auf denen keine wirtschaftliche Landnutzung betrieben wird (Dalbeck et al. 2008; Bayerisches Landesamt für Umwelt (LfU) 2014). In der Regel entfernen sich Biber selten mehr als 20-30 Meter vom Gewässer. Gelebt wird das schon in der Eifel. An der Rur gehören die angrenzenden Bereiche des Gewässers der öffentlichen Hand und werden von dieser verwaltet (Dalbeck et al. 2008). Es gibt keine wirtschaftliche Nutzung, wodurch die Konflikte vermieden werden.

Sorgen Biber in der Nähe von Infrastruktur, z. B. an Straßen- oder Bahndämmen durch Bauten für Instabilitäten in den Strukturen, können Drähte und Steine verwendet werden, um die Biber aus dem Damm zu halten. Ähnlich wird vorgegangen, wenn z. B. Dachse, Hasen, Nutria, etc. durch ihre Bauten gleiche Probleme verursachen (Bayerisches Landesamt für Umwelt (LfU) 2014).
Um wirtschaftlich wichtige Bäume oder Bäume in der Nähe von Infrastrukturen zu schützen, kann ein Draht um den Stamm gelegt werden oder der Stamm mit chemischen Abwehrstoffen "angemalt" werden (Dalbeck et al. 2008; Parker & Rosell 2003; Bayerisches Landesamt für Umwelt (LfU) 2014).
In Bayern gibt es einen Biberfonds, der für wirtschaftliche Verluste von Bäumen entschädigt. Hier wird auch berücksichtigt, wie groß das bewirtschaftete Land ist, da weniger Land mit weniger Bäumen in der Regel bedeutet, dass der Verlust eines Baumes schlimmer ist als auf großen Ländereien (Bayerisches Landesamt für Umwelt (LfU) 2014).

Durch die Wasserrahmenrichtlinie sind die Mitgliedsstaaten der EU angehalten künstliche Barrieren in den Gewässern zu beseitigen, wenn diese die Wanderung aquatischer Arten beeinträchtigen. Hier könnten Biberdämme weiterhin Gewässer stauen, da diese keine undurchlässigen Barrieren darstellen (Dalbeck & Weinberg 2009). Dies könnte essentiell für bedrohte Amphibien und Reptilien werden. Außerdem besitzen Biberteiche stark reinigende und filternde Eigenschaften für die Fließgewässer, die helfen können den gewünschten "guten ökologischen Zustand" der Gewässer zu erreichen (Freitag et al. 2001).

Kemp et al. haben 2012 einen Bericht über den Einfluss von Bibern auf die Fischpopulationen erstellt und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Biber keinen negativen Effekt auf diese haben. Durch die höhere Vielfalt an Lebensräumen im Fließgewässer können mehrere Fischarten erfolgreich bestehen. Biberdämme sind semipermeabel, d.h. wasser- und artendurchlässig. Fische können hindurch schwimmen oder sogar über diese springen. In den USA hat die NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration) sogar sogenannte Beaver Dam Support Structures (SBD) entwickelt, um Biber anzulocken Dämme zu bauen, damit die Bedingungen der Ufer-Flusshabitate verbessert werden. Das ist besonders in sehr steilen Flüssen von Interesse. 

Nicht zuletzt ist auch die Kommunikation ein zentrales Werkzeug. Die Öffentlichkeit muss über die Wiederansiedlung der Biber und was das für sie bedeuten kann ausführlich informiert werden. Sie muss kompetente Ansprechpartner zur Verfügung gestellt bekommen, bei denen sie ihre Bedenken und Sorgen äußern und wo ihr schnell und unkompliziert geholfen werden kann.


Weitere Informationen und verwendete Literatur:
Sommer, R., Ziarnetzky, V., Messlinger, U., Zahner, V. (2019): Der Einfluss des Bibers auf die Artenvielfalt semiaquatischer Lebensräume – Sachstand und Metaanalyse für Europa und Nordamerika. Naturschutz und Landschaftsplanung 51 (3), 108-115.

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