Es scheint völlig klar zu sein, warum es in Zeiten der überdurchschnittlichen Erderwärmung mit ihren katastrophalen Folgen für die Menschheit kein Steinkohlekraftwerk Lubmin geben darf. Schließlich gibt ein derartiges Kraftwerk rund 10 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr in die Atmosphäre ab. Damit würde nur dieses eine Kohlekraftwerk jene Menge Kohlendioxid produzieren, die bisher pro Jahr in ganz Mecklenburg-Vorpommern anfällt.
Leider hat dieser Wert nicht dazu geführt, dass die Koalitionsparteien SPD und CDU dem Projekt ihre Unterstützung versagen. Dass sie es könnten, ist unzweifelhaft und bereits an anderer Stelle - siehe Bremen - erfolgreich praktiziert worden.
Der BUND Mecklenburg-Vorpommern ergründet seit 2006 die möglichen Folgen eines Steinkohlekraftwerks für die Gesundheit von Anwohnern und Touristen, für die benachbarten europaweit einmaligen Schutzgebiete insbesondere für den Greifswalder Bodden und für die künftige energie- und klimapolitische Entwicklung des Landes Mecklenburg-Vorpommern. An dieser Stelle stellen wir die aus unserer Sicht schwergewichtigsten 10 Argumente gegen ein Steinkohlekraftwerk Lubmin dar:
1. Die Einleitung von erwärmtem Kühlwasser in den Greifswalder Bodden führt im Boddenwasser mit hoher Wahrscheinlichkeit zur verstärkten Entwicklung von gefährlichen Krankheitserregern, so genannten Vibrionen. Diese Erreger lösen bei Menschen schwere Blutvergiftungen aus und können bei Personen mit schwachem Immunsystem innerhalb kurzer Zeit zum Tode führen. In warmen Sommern gab es an den Stränden Usedoms bereits durch Vibrionen ausgelöste Todesfälle.
2. Ebenfalls durch die Einleitung von erwärmtem Kühlwasser steigt die Wahrscheinlichkeit von explosionsartigen Vermehrungen von Cyanobakterien (früher als "Blaualgen" bezeichnet). Massenentwicklungen dieser Bakterien führen zu den bereits jetzt unter hohen Sommertemperaturen an der Ostseeküste auftretenden "Bakterienteppichen". Cyanobakterien sind giftig und können, z.B. wie im Herbst 2008 in Greifswald, zum Tod von Hunden führen.
3. Die Stickstoff- und Schwefelemissionen aus einem Kohlekraftwerk in Lubmin würden zu starker Belastung von Lebensräumen führen, die im FFH-Gebiet "Greifswalder Bodden, Teile des Strelasund und Nordspitze Usedom" als "prioritäre" Lebensräume nach der europäischen FFH-Richtlinie besonders zu schützen sind. Es handelt sich dabei um die "Borstgrasrasen" und die "Graudünen". Auch die Wälder wären mit einem Kohlekraftwerk am Standort Lubmin mit dem bis zu Zehnfachen der verträglichen Stickstoffmenge belastet.
4. Der Greifswalder Bodden ist eines der wichtigsten Laichgebiete für den Hering in der Ostsee. Das Laichgeschehen der Fische ist sehr temperaturabhängig und zudem auf das Vorhandensein von bestimmten Wasserpflanzen, z.B. Seegras, angewiesen. Durch die Einleitung des mit Nährstoffen belasteten erwärmten Kühlwassers in den Greifswalder Bodden droht das empfindliche Laichgeschehen des Herings aus dem Rhythmus zu geraten. Ein dauerhafter Rückgang seiner Laichaktivität hätte katastrophale wirtschaftliche Folgen für die Küstenfischerei und den regionalen, auf ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit abzielenden Tourismus.
5. Das erwärmte Kühlwasser kann zu starken Beeinträchtigungen streng geschützter Küsten- und Meereslebensräume des Greifswalder Boddens und der dort lebenden Tiere und Pflanzen führen. Diese Folgen lassen sich nicht genau prognostizieren, müssen aber bei einem hochwahrscheinlichen Eintreten in Form von Kompensationsmaßnahmen ausgeglichen werden. Für zahlreiche Meerestiere, für Wasservögel und insbesondere für den Hering gibt es allerdings in Mecklenburg-Vorpommern keine Möglichkeit, Ersatzlebensräume zu schaffen.
6. Mit einem Steinkohlekraftwerk Lubmin würden rund 1000 Kilogramm Quecksilber pro Jahr in die Umwelt eingetragen werden. Dadurch widerspricht das geplante Kraftwerk den Verpflichtungen der internationalen HELCOM-Konvention zur Quecksilber-Emissionssenkung. Deutschland hat sich darin zur Minderung von Schadstoffeinträgen in die Ostsee verpflichtet. Das Kraftwerk würde die Einträge beträchtlich erhöhen. Derzeit trägt Deutschland mit etwa 30 kg pro Jahr zur Quecksilberbelastung der Ostsee über den Luftpfad bei. Mit dem geplanten Kraftwerk stiege der deutsche Quecksilbereintrag in die Ostsee um das 17-fache!
7. In der Leitstudie des Bundesumweltministerium 2008 (Vollständiger Titel: "Weiterentwicklung der „Ausbaustrategie Erneuerbare Energien“ vor dem Hintergrund der aktuellen Klimaschutzziele Deutschlands und Europas)
lautet die zentrale Aussage:
Das Klimaschutzziel Deutschlands (bis 2020 40 % Reduktion von Kohlendioxid gegenüber 1990) ist nur zu erreichen, wenn nicht mehr als 9.000 Megawatt (MW) neue Kohlekraftwerke zugebaut werden.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat nach Prüfung aller bekannten Kraftwerksprojekte festgestellt, das derzeit bereits 10.400 MW im Bau oder genehmigt sind. Es darf demnach in Deutschland kein einziges weiteres Kohlekraftwerk genehmigt werden, will Deutschland seine Klimaschutzziele erreichen!
8. Neue Kraftwerke sind keine Ersatzbauten für alte und schmutzigere Kraftwerke. Ursache für die Ausbaupläne ist vielmehr der Wunsch der Konzerne, mehr Strom aus Kohle zu gewinnen. Alte Kraftwerke sollen hingegen nicht im gleichen Umfang stillgelegt werden, wie oft behauptet wird. Der BUND hat in einer Analyse herausgefunden, dass den geplanten neuen Kohlekraftwerken in der Größenordnung von bis zu 27.270 MW (Megawatt) lediglich geplante Stilllegungen in der Größenordnung von bis zu 6.917 MW gegenüberstehen. Dies führt unterm Strich zu einer Steigerung der jährlichen CO2-Emissionen um über 100 Millionen Tonnen.
9. Es gibt definitiv keine "Stromlücke". Eine "Studie" der DENA (Deutsche Netzagentur), die im Auftrag von RWE und E.ON angefertigt wurde, stellt einen angeblichen Bedarf von 15 neuen Großkraftwerken heraus, berücksichtigt jedoch nicht die künftig zu erwartende Reduktion des Stromverbrauchs durch mehr Effizienz. Zudem werden die Laufzeiten bestehender Kraftwerke und der zu erwartende Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung zu niedrig angesetzt.
Andere Studien z.B. aus dem Umweltbundesamt (2008), Matthes/Ziesing (2008), EUtech (2008), BMU (2008) widersprechen dem Szenario der DENA:
Deutschland braucht auch in Zukunft keinen Strom zu importieren, wenn die Bundesregierung dafür sorgt, dass die Alternativen zu Kohle und Atom engagiert ausgebaut werden!
Der Atomausstieg und der Verzicht auf neue (zusätzliche) Kohlekraftwerke sind möglich, ohne dass Strom importiert werden muss.
Übrigens: Deutschland hat im Jahr 2007 Strom in der Größenordnung von zwei Atomkraftwerken exportiert und dies obwohl mehrere AKW wegen technischer Probleme vom Netz gegangen waren. Teilweise waren 7 AKW gleichzeitig nicht in Betrieb, ohne dass es zu den geringsten Engpässen bei der Stromversorgung gekommen wäre.
Selbst das Bundeswirtschaftsministerium kommt im "Monitoring-Bericht zur Versorgungssicherheit" (2008) zu folgender Aussage:
"Die im Rahmen des Monitoring durchgeführten Untersuchungen haben gezeigt, dass das Niveau der Versorgungssicherheit im Bereich der Elektrizitätsversorgung in Deutschland als hoch einzustufen ist. Kurz- und mittelfristig kann davon ausgegangen werden, dass die Versorgung mit Elektrizität stets im erforderlichen Umfang gesichert werden kann. Es stehen derzeit national ausreichend Kraftwerkskapazitäten zur Verfügung, um den Bedarf zu decken."
10. Neue Kohlekraftwerke und Klimaschutz gehen nicht zusammen. Die Industrieländer müssen ihre Treibhausgasemissionen bis 2050 voraussichtlich um mindestens 80 Prozent reduzieren. Für den Bereich der Energiewirtschaft erhält man dann noch zulässige Gesamtemissionen von 85 Millionen Tonnen CO2 im Jahr 2050. Die zur Zeit geplanten Kohlekraftwerke in Deutschland hätten eine Kapazität von über 25.000 MW und würden allein mehr als 180 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr verursachen! Mit den international angestrebten Klimazielen sind diese Planungen nicht vereinbar.