Ende des 18. Jahrhunderts, etwa zu der Zeit, als viele Parks und Schlossanlagen mit Alleen bepflanzt wurden, schrieb der englische Dichter und Maler William Blake: „Und ich weiß, dass diese Welt eine Welt der Phantasie und Vision ist ... Der Baum, der manche zu Tränen rührt, ist in den Augen anderer nur ein grünes Ding, das im Wege steht“
Große, alte Bäume, erhaben und schön, wölben ihr grünes Blätterdach über die Straßen Mecklenburg-Vorpommerns. Alleen prägen schon seit hunderten von Jahren das Landschaftsbild in unserem Bundesland und sind genauso wie Bauwerke aus früherer Zeit von großer kulturhistorischer Bedeutung.
Das Wort „Allee“ kommt aus dem Französischen und bedeutet soviel wie „Gang“. Seit dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) wird er im deutschen Raum verwendet und bezeichnet von Baumreihen eingefasste Wege und Straßen.
Wann und wo es die ersten Alleen in Mecklenburg-Vorpommern gab, ist nicht bekannt. In der Literatur liest man, dass Ende des 12.Jahrhunderts, als Heinrich der Löwe die slawische Macht vernichtet hatte und deutsche Bauern innerhalb von 50 Jahren ein dichtes Netz von Dörfern zogen und viele Wälder rodeten, zum ersten Mal an Wegen ein oder beidseitig Weiden, Obstbäume, Pappeln, Ulmen und auch Walnussbäume gepflanzt wurden, um den Holz- und Obstbedarf zu decken.
Ab dem 17Jhd. wurden Bäume zur Betonung des Machtzentrums als Wegebepflanzungen zu Herrensitzen genutzt. Beispiel hierfür ist die etwa 250jährige Festonallee bei Schloss Bothmer im Klützer Winkel. Die Linden wurden so geteilt und geschnitten, dass man meint, ihre Zweige fassen sich gegenseitig an.
Danach kamen die Alleen in die Städte und wurden hier überwiegend angepflanzt, um Schlösser und andere zentrale Gebäude optisch zu betonen.
Beispiele hierfür sind:
• die von Willhelm Malte Fürst zu Putbus in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts auf Rügen gestaltete Park- und Kulturlandschaft;
• die „ästhetisch aufgeschmückten“ Garten- und Parkanlagen von Peter Joseph Lenné, wie die großzügigen und weitläufigen Anlagen von Ludwigslust (Stadt, Schloss und Schlosspark bilden ein Ensemble, das in dieser Ausführung in Mecklenburg einzigartig ist. Es wird deshalb auch oft als 'mecklenburgisches Versailles' bezeichnet) und die Parkanlagen in Basedow, in Schwerin, in Remplin oder Boizenburg;
• die 250jährige Lindenallee (Festonallee) bei Schloss Bothmer im Klützer Winkel, bei der die Linden so kunstvoll gestutzt, geteilt und geschnitten wurden, dass man meint, die Linden fassen sich gegenseitig an.
Schließlich wurde die Allee auch zu einem baumbestandenen Weg außerhalb der Stadt. Viele Wege in Mecklenburg und Vorpommern wurden seit Ende des 18. Jahrhunderts zur Verbesserung der „Verkehrssicherheit“ mit Bäumen bepflanzt. Auf den unbefestigten Wegen dienten sie den Postkutschen als Wegmarkierung, zum Schutz gegen das Abrutschen in den Weggraben und zur Sicherung von Böschungskanten. Zeuge dieser Zeit ist die etwa 200 Jahre alte Schildfelder Eichenallee, eine der schönsten Eichenalleen in unserem Bundesland. Überregionale Alleen wurden außerdem in Kriegszeiten als Heerstraßen genutzt und boten den Truppen Orientierung und Schutz.
Die Motive zum Anpflanzen einer Allee sind also sehr unterschiedlich gewesen. Im Wesentlichen lassen sich diese Motive in vier Gruppen zusammenfassen.
• Gezielte Gestaltung der Landschaft unter ästhetischen Aspekten zur Verbesserung des Wohlbefinden des Menschen
Mächtige Linden säumen beidseitig die um 1837 von Großherzog Friedrich Franz I. ausgebaute Chaussee zwischen Bad Doberan und Heiligendamm, dem 1793 angelegten großherzoglichen Seebad. Es ist eine der prächtigsten Alleen unseres Bundeslandes.
• Verbesserung der Verkehrssicherheit
In der Zeit des Reisens zu Fuß, zu Pferd oder Pferdewagen auf den unbefestigten Wegen dienten die Alleen den Postkutschen als Wegmarkierung, zum Schutz gegen das Abrutschen in den Straßengraben und zur Sicherung von Böschungskanten. Die Bäume boten Schutz, spendeten Schatten und Schutz vor Wind, Regen und Staub und sie gaben Orientierung, Gründe, weshalb auch Napoleon und Friedrich II., König von Preußen, Bäume entlang von Chausseen anpflanzen ließen. Die Bäume sollten den Soldaten bei ihren langen Märschen Schutz bieten und den Weg weisen. Zeuge dieser Zeit ist die etwa 200 Jahre alte Schildfelder Eichenallee, eine der schönsten Eichenalleen in unserem Bundesland.
• Nutzung von Holz, Zweigen, Blättern und Früchten
• Technischer Nutzen
Befestigung der Böschung, der Entwässerung des Unterbaus von Straßen.
Aus den verschiedenen Gründen für die Anlage einer Allee lässt sich auch die enorme Vielfalt an Baumarten erklären. Heute finden wir vor allem Linde, Ahorn, Kastanie, Eiche und Esche an unseren Bundes- und Landesstraßen. Aber es gibt sie auch noch, die Obstbaumalleen, häufig entlang von Kreisstraßen und auch Weiden säumen nach wie vor die Straßen im ländlichen Raum.
Mitte des 20.Jahrhunderts beginnt eine Zeit, die geprägt ist von ständig steigendem Straßenverkehr und des damit einhergehenden Straßenausbaus. Alleen werden zunehmend nicht mehr als schön und nützlich empfunden, sondern als Hemmnis des Fortschritts und als Gefährdung der Verkehrssicherheit.
Gleich nach dem zweiten Weltkrieg wurde mit der Abholzung von Alleen im großen Stil begonnen. Im westlichen Teil Deutschlands fielen von 1945 bis 1990 fast alle Alleen dem Ausbau von Straßen und den erhöhten Sicherheitsforderungen zum Opfer.
In der DDR war der Verkehr gering und die finanziellen Mittel für einen Straßenausbau begrenzt. Die Alleebäume konnten sich ohne ständigen Pflegeschnitt und ohne Schädigungen im Wurzelbereich durch Baumaßnahmen prachtvoll entwickeln.
Seit der Wiedervereinigung ist das (Über)Leben der Alleebäume um ein Vielfaches schwerer geworden. Eine enorm angestiegene Motorisierung vor allem des Lkw-Verkehrs war Ursache für einen rasant zunehmenden Ausbau der Straßen, mit Straßenverbreiterung, Kurvenbegradigung, Anlegen von Linksabbiegerspuren. 1990 galten etwa 48 Prozent der Fern- und 60 Prozent der Bezirksstraßen nach den Normen des Bundesverkehrsministers als zu schmal. Dazu kam der jetzt notwendige Schnitt des Lichtraumprofils. Starke Äste wurden abgesägt, bald hatte jeder Straßenbaum riesige Wunden, Eintrittspforten für Pilze und Bakterien. Das Verlegen von zahllosen Kabeln und Leitungen im Wurzelbereich führte zu nicht wieder gut zu machenden Schädigungen in diesem Bereich der Bäume. Ein Baum als lebender Organismus kann einige Schäden verkraften, das Tausalz im Winter hat vielen Bäumen jedoch diese Chance genommen. Nicht mehr in der Lage, Nahrung und Wasser aufzunehmen, verloren sie die Kraft, ihre Wunden zu heilen. Vertrocknet stehen sie jetzt am Straßenrand und warten auf die Säge.
Kurz nach der Wiedervereinigung, als Verbände, Vereine und aufmerksame Bürger merkten, dass das rasante Tempo, mit dem die Infrastruktur in den neuen Bundesländern verbessert werden sollte, auf Kosten der Alleebäume geschah, dass Wurzeln, Stämme, Kronen geschädigt wurden ohne jeglichen Respekt vor dem Baum, vor unserem kulturellen Erbe, schlugen sie Alarm. Bundesweit sollte ein Signal gesetzt werden. Im September 1992 gründete sich die „Arbeitsgemeinschaft Deutsche Alleenstraße“ in Sellin auf Rügen. Ostsee und Bodensee sollten mit einer Route, geprägt von landschaftlicher Schönheit und kulturellen Sehenswürdigkeiten verbunden werden. Seit der Eröffnung der deutschen Alleenstraße am 3.Mai 1993 in Putbus engagiert sich der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND e.V. ) für die Wiederbepflanzung der gesamten Strecke. In Mecklenburg-Vorpommern betreut der BUND die Abschnitte der Deutsche Alleenstraße auf der Insel Rügen gemeinsam mit Anwohnern durch Alleenpatenschaften. In jedem Jahr werden Baumpflanzungen und Aktionen zum Alleenschutz, wie den „Tag der Allee“, Ausstellungen oder die Fahrradtour „Tour d´Allée“ veranstaltet.
Trotzdem klaffen auch 16 Jahre nach der Eröffnung große Lücken entlang dieser ganz besonderen, heute mit 2500 km längsten, Tourismusstraße. Doch an einigen Abschnitten fährt der Reisende noch in ein prachtvolles Gewölbe aus Zweigen und Blättern, bekommt er das Gefühl einer Reise in die Vergangenheit und ist einfach nur beeindruckt von den majestätischen Riesen, die ihn zu beiden Seiten begleiten.
Heute sind unsere Alleen bedroht durch:
Zunehmender Straßenverkehr
Straßenneubau
Ausbau Versorgungsnetz
Schnittmaßnahmen Lichtraumprofil
Anfahrschäden
Abgase
Landwirtschaft, Schädigungen am Baum, Düngemittel
Überalterung
Salz
Vielfalt der Alleen
Von der Mehlbeere bis zur Eiche, die Alleen Mecklenburg-Vorpommerns bieten eine große Vielfalt an Baumarten. Die Wahl der Baumarten richtete sich ursprünglich nach persönlicher Neigung und dem verfolgten Zweck.
Die häufigsten Arten an unseren Bundesstraßen sind Linde (27,8 Prozent des Gesamtbestandes), Ahorn (23,4 Prozent), Obstbäume (Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen, Vogelbeeren; 11,8 Prozent), Rosskastanie (11,2 Prozent), Eiche (8,5 Prozent) und Esche (5,8 Prozent). Die übrigen 11,5 Prozent teilen sich Buche, Hainbuche, Ulme, Platane, Lärche, Weide sowie Birke und Pappel.
Gesetzlicher Schutz der Alleen
Mecklenburg- Vorpommern verfügt über den umfangreichsten naturschutzrechtlichen Alleenschutz in Deutschland.
So ist der Schutz der Alleen in der Landesverfassung Mecklenburg-Vorpommerns unter dem Staatsziel Umweltschutz formuliert. In Artikel 12 heißt es: „Land, Gemeinden und Kreise schützen und pflegen die Landschaft mit ihren Naturschönheiten, Wäldern, Fluren und Alleen (…)“.
Der §27 des Landesnaturschutzgesetzes Mecklenburg-Vorpommern, der ergänzende Erlass des Wirtschaftsministeriums und des Umweltministeriums vom 19.04.2002 'Neuanpflanzungen von Alleen und einseitigen Baumreihen in Mecklenburg-Vorpommern' und der im Oktober 2007 erschienene Baumschutzkompensationserlass des Ministeriums für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz soll ebenfalls die Vernichtung unserer Alleenlandschaft verhindern.
Daneben gibt es zahlreiche Bestimmungen zum Schutz der Alleen, die während Baumaßnahmen im Wurzel- und Kronentraufbereich von Bäumen eingehalten werden müssen. Dazu gehören die DIN 18920 "Schutz von Bäumen, Pflanzenbeständen und Vegetationsflächen bei Baumaßnahmen" sowie der RAS-LG 4 "Schutz von Bäumen und Sträuchern im Bereich der Baustellen"
Literatur:
Knapp, H.D.; Grundner, T., 2004: Bäume, Wälder und Allleen in Mecklenburg-Vorpommern
Lehmann, I.; Rohde M., 2006: Alleen in Deutschland
Katharina Brückmann (Dipl.-Ing. agr.)
Referentin Alleenschutz
Bund für Umwelt und Naturschutz Mecklenburg-Vorpommern