3. Mai 2011

Landesregierung versenkt Millionen im ländlichen Raum

Dr. Norbert Schneeweiß vom Landesumweltamt Brandenburg erläutert die Einflüsse des ländlichen Wegebaus auf Amphibien und Reptilien

Ressortübergreifende Planung muss öffentliche Mittel effizienter einsetzen

BUND fordert Kernwegekonzept für Mecklenburg-Vorpommern

Rund 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beteiligten sich am vergangenen Freitag, dem 29.04.2011, in Warin (Landkreis Nordwestmecklenburg) an einer Tagung zum Thema "Ländlicher Wegebau", die der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Landesverband Mecklenburg-Vorpommern, in Kooperation mit dem Naturpark Sternberger Seenland durchführte. Im Fokus der zahlreichen Vorträge und angeregten Diskussionen stand dabei die Frage, wie die knapper werdenden Mittel für den Ausbau und die Unterhaltung des ländlichen Straßen- und Wegenetzes deutlich effektiver eingesetzt werden können, ohne dabei den Naturräumen und Landschaftsbildern Mecklenburg-Vorpommerns zu schaden.

Seit 1990 wurden in Mecklenburg-Vorpommern rund 5000 Kilometer ländliche Wege und Straßen ausgebaut, erneuert oder neu angelegt. Dieser Ausbau erfolgt bis heute nach Einschätzung des BUND oftmals planlos, zudem einseitig zu Gunsten der Landwirtschaft und ohne Berücksichtigung von anderen Qualitäten der Landschaft.

"Mit der unkoordinierten Asphaltierung unserer schönsten Landwege entsteht unserem Land ein großer Schaden. Attraktive Wegebeziehungen verlieren ihre Reize. Der Landschaftseindruck leidet. Möglichkeiten der ungestörten Naturbeobachtung und wertvolle Lebensräume streng geschützter Arten gehen verloren." so Arndt Müller, Naturschutzreferent des BUND Mecklenburg-Vorpommern und Organisator der Tagung mit Blick auf die Bedeutung der naturnahen Wege für den Naturtourismus.

Bereits im Jahr 2000 wurde nach Äußerungen der damaligen Landesregierung  eine Grundausstattung des ländlichen Straßen- und Wegenetzes in Mecklenburg-Vorpommern erreicht. "Trotzdem fließen auch in der Förderperiode bis 2013 pro Jahr ca. 35 Millionen Euro in das ländliche Straßen- und Wegenetz. Angesichts des demografischen Wandels und der daraus resultierenden abnehmenden Landbevölkerung sind die Investitionen in das Straßen- und Wegenetz in dieser Größenordnung nicht zu verantworten", so Georg Nikelski, EU-Referent des BUND Mecklenburg-Vorpommern.

Im Ergebnis der  Wegebautagung des BUND wurde bestätigt:

- Straßen- und Wegebau im ländlichen Raum erfolgt oftmals ohne Konzept. Jene Gemeinden, die am intensivsten fordern, bekommen umfangreich ausgebaute Straßen- und Wege. Schutzgebiete und andere Landschaftsqualitäten sowie die Nutzungsintensität der Straßen und Wege spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle.

- Straßen- und Wegebau setzt im ländlichen Raum zu oft einseitig auf teuren Asphalt und Beton. So genannte wassergebundene Straßen und Wege (Befestigung mit Kies-, Schotter-, Lehmgemischen) werden zu unrecht schlecht geredet. Sowohl Bau und Pflege sind langfristig finanziell günstiger als Asphalt und Beton.

- Straßen- und Wegebau im ländlichen Raum bezieht in der Planungsphase die betroffenen Bürgerinnen und Bürger zu wenig ein. Viele Anwohner würden in Anbetracht der Folgekosten für die Gemeinde auf Asphalttrassen verzichten und kostengünstigere Straßen- und Wegebauvarianten wählen. Eine Verschuldung der Gemeinden, nur um jeden Seitenweg mit Asphalt  befestigen zu können, ist nicht der richtige Ansatz.
 

Als Alternative zum derzeitigen Vorgehen schlägt der BUND ein so genanntes Kernwegekonzept vor, wie es inzwischen in Schleswig-Holstein praktiziert wird. Dort werden Fördergelder für den Straßen- und Wegebau nur noch ausgereicht, wenn die Gemeinden ein Kernwegekonzept vorweisen. Dieses Konzept muss dabei genau auflisten, warum eine Straße, ein Weg ausgebaut werden soll und welche Bedeutung dieser besitzt. Für die Erstellung des Kernwegekonzeptes werden Straßen und Wege der Gemeinden in vier Kategorien eingeteilt. Die als Haupttrassen identifizierten Straßen und Wege werden gefördert und künftig in einem Zustand erhalten, der größere Verkehrsbewegungen verträgt. Untergeordnete Straßen und Wege werden hingegen nur noch minimal unterhalten.  

Arndt Müller vom BUND: "Wir erwarten von der Landesregierung, dass sie dem Beispiel von Schleswig-Holstein folgt und die Fördermittel für Straßen- und Wegebau im ländlichen Raum nicht mehr wahllos verteilt. Landesweit müssen die Hauptverkehrswege im ländlichen Raum identifiziert und die Förderung auf diese Wege konzentriert werden. Dies hilft Schaden an der schützenswerten Landschaft Mecklenburg-Vorpommerns zu verhindern."

Dass die Beschränkung des Straßen- und Wegebaus auf Haupttrassen für den Tourismus im ländlichen Raum von großer Bedeutung ist, unterstrich Erik Neumeyer, stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Wanderverbandes. Er stellte mit einer vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Studie vor, dass in Deutschland 370 Millionen Tagesausflügler und 8,7 Millionen Wanderurlauber im Jahr mindestens eine Wanderung pro Jahr durchführen. Dabei ergibt sich ein Gesamtausgabevolumen aller Wandertouristen von 7,5 Milliarden Euro.

"Wanderer lassen überdurchschnittlich viel Geld in einer Urlaubsregion. Sie wollen dabei aber nach unseren Umfragen nicht über Asphaltpisten laufen. Sie wollen naturnahe Wege, die ihnen die wenig gestörte Beobachtung von kulturhistorisch interessanten Landschaften, von Tieren und Pflanzen ermöglichen. Mecklenburg-Vorpommern sollte dahingehend nicht seine großartigen Möglichkeiten verspielen." so Neumeyer.


Für Rückfragen: Arndt Müller, BUND M-V, Tel. 0160-96470127