25. Juli 2012
Große Sicherheitsbedenken bei Kernfusionsexperiment Wendelstein 7-X
Nach Erkenntnissen des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Mecklenburg-Vorpommern (BUND M-V e.V.), offenbaren sich im Zuge der Errichtung der Kernfusionsanlage Wendelstein 7-X des Max-Planck-Institutes für Plasmaforschung (IPP) schwere Sicherheitsmängel. Aus den Akten der bisherigen Genehmigungsverfahren ist zu ersehen, dass der Strahlenschutzbeton offenbar fehlerhaft zusammengesetzt ist. Weiterhin ist offenbar die Abschirmung der in der Anlage entstehenden Neutronenstrahlen an den Hallentoren des Reaktorgebäudes nicht gewährleistet. Zudem gibt es nach Aktenlage Schwierigkeiten mit Rissen im Hallendach des Reaktorgebäudes sowie mit der Zusammensetzung des verwendeten Stahls.
Thomas Blaudszun, stellvertretender Landesvorsitzender des BUND M-V e.V.:
„Wir konnten nicht glauben, was wir im behördlichen Schriftverkehr lesen mussten. Das Sozialministerium Mecklenburg-Vorpommern wiegelt gezielt die festgestellten Versäumnisse bei der Errichtung der Anlage ab. Da wird von 'Heilung' des Verfahrens geschrieben und dass man den Nachweis zur Strahlensicherheit doch erst im Betrieb der Anlage erbringen könne. Und das bei einer Anlage die mehrere Millionen Grad heiß wird und Neutronenstrahlung emittiert. Das ist nicht nachvollziehbar. An keiner Stelle des Schriftverkehrs wird – in Kenntnis der Baumängel – auch nur erwogen, dass Menschen durch die austretende Strahlung geschädigt werden können.Wir fordern den sofortigen Stopp der Vorbereitungen auf den Betrieb der Anlage!“
Durch Akteneinsicht durch den BUND ist belegt, dass selbst im Sozialministerium Mecklenburg-Vorpommern Zweifel an der Sicherheit der Anlage bestehen. Allerdings wird als Konsequenz nicht die bisherige Vorbereitung des Kernfusionsexperimentes sofort gestoppt. Vielmehr plant das Sozialministerium mit der Genehmigung eines einmaligen Probebetriebs des Fusionsreaktors, die eventuell austretende Strahlung der Anlage feststellen zu lassen und damit Erkenntnisse über die Sicherheitslage zu gewinnen. Eine entsprechende Sicherheitsstudie solle das IPP durch ein unabhängiges Institut erstellen lassen.
Thomas Blaudszun vom BUND Mecklenburg-Vorpommern:
„Das ist so, als ob der Prototyp eines Flugzeugs in der Testphase gleich mit 300 Passagieren an Bord in die Luft geschickt wird und dann geschaut wird, ob die Tragflächen dran bleiben. Das Fusionsexperiment ist in dieser Form absolutes Neuland und die Bürgerinnen und Bürger von Greifswald sowie die Mitarbeiter des IPP wären bei einem Probebetrieb in der derzeitigen Situation unfreiwillige Testpersonen und könnten gesundheitsschädlicher Strahlenbelastung ausgesetzt werden. Das muss unbedingt unterbunden werden.“
Brisant zudem: In einem Telefonat schlug der Leiter des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LAGUS), Dr. Heiko Will, dem BUND Mecklenburg-Vorpommern e.V. einen „Handel“ vor. Der Umweltverband könne Art und Umfang des Probebetriebes des Fusionsreaktors bewerten und beeinflussen, möge dafür im Gegenzug jedoch auf die beantragte Übersendung von Kopien der während der Akteneinsicht gesichteten Unterlagen verzichten. Ein solcher „Handel“ wurde von der Geschäftsführerin des Verbandes, Corinna Cwielag, strikt zurückgewiesen. Gleichzeitig wurden Angaben zu Art und Weise des Probebetriebes auf Grundlage des Informationsfreiheits- und des Umweltinformationsgesetzes angefordert. Nach anschließender Auskunft des LAGUS liegen diese Unterlagen zum geplanten Ablauf des Probebetriebs dort noch nicht vor, könnten demnach nicht eingesehen werden.
Thomas Blaudszun vom BUND Mecklenburg-Vorpommern:
„Es gibt eine ganze Reihe Ungereimtheiten im bisherigen Genehmigungsprozess. Das Sozialministerium mit dem LAGUS als Aufsichtsbehörde muss nach § 14 Abs. 1 Nr. 9 Strahlenschutzverordnung sicher stellen, dass 'überwiegende öffentliche Interessen, insbesondere im Hinblick auf die Umweltauswirkungen, dem beabsichtigten Betrieb der Anlage nicht entgegenstehen.' Wir sehen nach unseren derzeitigen Erkenntnissen ein massives Sicherheitsproblem für die Mitarbeiter der Anlage und für die Bevölkerung. Die Sicherheit von Menschen ist das zentrale öffentliche Interesse. Der Betrieb der Fusionsanlage ist demnach aus unserer Sicht nicht genehmigungsfähig. Unser Urteil: Bei der Errichtung des Kernfusionsreaktorgebäudes wurde umfangreich geschlampt.“
Brisant ist auch in diesem Zusammenhang, dass die Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen in einer aktuell gestellten Kleinen Anfrage an die Landesregierung wissen wollte, ob alle von den zuständigen Landesbehörden durchgeführten Genehmigungsverfahren verwaltungsmäßig und rechtskräftig abgeschlossen sind und ob es seitens des Instituts für Plasmaphysik (IPP) mit Sitz in Garching und Greifswald noch offene Anträge gibt. Die Landesregierung antwortete, dass alle Genehmigungsverfahren abgeschlossen seien und es keine offenen Anträge gäbe. Damit unterschlug sie, dass es aktuelle Nachforderungen zur Errichtungsgenehmigung aufgrund nicht eingehaltener Nebenbestimmungen der Errichtungsgenehmigung vom 18.12.1997 gibt und dass die Betriebsgenehmigung für das Kernfusionsexperiment, bei dem radioaktive Strahlung in erheblichem Umfang entsteht, noch aussteht. Damit hat nach Einschätzung des BUND die Landesregierung gelogen und in einem parlamentarischen Vorgang versucht, die tatsächlichen Verhältnisse zu verschleiern.
Der BUND Mecklenburg-Vorpommern prüft angesichts der schweren Baumängel derzeit juristische Mittel, um den Betrieb des Fusionsreaktors zu verhindern.
„Das Sozialministerium verstieß gegen den selbst ausgestellten Genehmigungsbescheid, indem es unverständlicherweise die Umsetzung von Nebenbestimmungen nicht nachdrücklich einforderte. So war seit Jahren bekannt, dass die Zusammensetzung des Strahlenschutzbetons nicht den Normen entspricht. Das Ministerium hat es dann versäumt, den eigenen Bescheid zurückzunehmen. Es ist erschreckend, wie mangelhaft und nachlässig die Errichtung dieser kerntechnischen Anlage überwacht wird. Als Umweltverband können wir nicht akzeptieren, dass die Gesundheit der Greifswalderinnen und Greifswalder durch Wendelstein 7-x aufs Spiel gesetzt wird, um ein ohnehin fragwürdiges Experiment durchführen zu können.“, so Thomas Blaudszun vom BUND Mecklenburg-Vorpommern abschließend.
Hintergrundpapier "Fragen zur Strahlensicherheit des Kernfusionsexperimentes Wendelstein 7-X"
Für Rückfragen: Thomas Blaudszun, stellv. Landesvorsitzender, Tel. 0173-9877543